Die herrschende politmediale Klasse Deutschlands hält sich immer noch für den moralischen Mittelpunkt der Erde. Doch die Welt interessiert sich nicht für die „deutsche Moral“, mit der wir die Welt retten wollen.

Das internationale Interesse an Deutschland war nie moralisch begründet sondern hatte ökonomische Gründe. Deutschland galt als leistungsfähige Industrienation, als Exportmotor, als Garant von Wohlstand und Stabilität. Deswegen hat die Welt auf uns geschaut und uns bewundert. Mit dem fortschreitenden industriellen Niedergang schwindet das Interesse an Deutschland.

Was heute in Berlin als „Wertegemeinschaft“ beschworen wird sind keine universellen Werte sondern lediglich westliche Überzeugungen, die den Menschen im globalen Süden weitgehend fremd sind und wenig interessieren.

Die „Regelbasierte Werteordnung“, die nach dem 2. Weltkrieg entstanden ist und von den Siegermächten bestimmt wurde und von der heute so viel die Rede ist, wurde zwar von vielen Staaten unterzeichnet (UNO-Charta). Doch der globale Süden, in dem 80% der Weltbevölkerung leben, und zu dem Asien, China, Indien,Brasilien, Afrika, Lateinamerika und der Nahe Osten gehören, denkt nicht in westlichen Kategorien. Für sie zählen Familie, Clans, Beziehungen und Zusammenhalt mehr als die abstrakten Prinzipien des Völkerrecht.

Der globale Süden weiß aus Erfahrung, dass Völkerrecht nur dann gilt, wenn es westlichen Interessen dient. Sie erinnern an die US-Interventionen im Irak, in Afghanistan, in Libyen, Syrien und Venezuela. Vor diesem Hintergrund zweifeln sie die moralische Überlegenheit des Westens an und empfinden das Völkerrechtsgelaber a la Baerbock&Wadephul als heuchlerisch.

Die deutsche Vorstellung, man könne aus moralischen Gründen auf billige Energie, industriellen Wohlstand und sichere Arbeitsplätze verzichten, ist für diese Menschen nicht nachvollziehbar. Für sie ist wichtig, dass ihre Grundbedürfnisse (Nahrung,Kleidung und Behausung) befriedigt werden. Solange diese nicht erfüllt sind, treten alle anderen Bedürfnisse zurück gemäß der Devise von Brecht „erst das Fressen, dann die Moral“. Dass Deutschland seine Industrie schwächt, um „das Richtige“ zu tun, erzeugt im globalen Süden kein moralisches Ansehen sondern Kopfschütteln.

Die Welt ordnet sich neu und sie will und braucht dazu keine moralische Missionierung aus Deutschland

Ob es uns passt oder nicht – im Osten und im Süden wird komplett anders gedacht und gefühlt als im Westen. Für Milliarden Menschen zählen Loyalität, Stabilität, Geschichte und materielle Sicherheit mehr als die abstrakten Prinzipien des Völkerrrechts und die angeblich universellen Menschenrechte.

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